Reader's Digest Januar 2003

Reader’s Digest – Das Beste für Deutschland (Januar 2003)
Seite 82 - 88

Willkommen im Schlaraffenland
Von Christine Hoffmann

Es dämmert schon, als die Ritter in ihren Burghof ziehen. Mit soliden Blechkarossen, dunklen Mänteln und Aktenkoffern gewappnet, biegen sie auf den kargen Parkplatz eines Hinterhauses im Stuttgarter Osten ein. Halblaut schlagen Autotüren, dann schreitet ein Heer meist älterer Herren hinauf ins Oberstübchen des schwäbischen Weinlokals „Bembele“ zum wundersamsten aller Herrenabende. Nur immer der Nase nach und die Stiege hoch. Wo Füße über eine Kokosfußmatte mit dunklen Intarsien „Schlaraffia Stutgardia“ scharren und der Kohlgeruch rezent wird, sind die Ritter am Ziel.

„Lulu“, schallt es förmlich-fröhlich zu ihrer Begrüßung im Reyche Stutgardia; zur Stärkung werden heute schwäbische Krautwickel, Butterbrezeln und Lethe, zu Deutsch Wein, gereicht. 18.30 Uhr, noch eine Stunde bis zur 3145. Sippung der Stuttgarter Schlaraffen.

Wer jetzt an Fasching denkt, tut dieser ehr- und merkwürdigen Herrengesellschaft Unrecht, denn sie treibt es traditionell den ganzen Winter lang närrisch. Und zwar überall auf der Welt, in 300 Städten.

„Wir haben alle einen Vogel“, sagt Reinhard Schiffler (58), der montags ab halb acht nur noch auf den schlaraffischen Namen Quästor, der wohlmeinende Blitztribun, hört. Sein Vogel, sein Spleen hat Gestalt: Wappentier der Schlaraffen wurde schon bald nach ihrer Gründung im Jahre 1859 der Uhu, der sich mal ausgestopft an der Wand, mal als Hologramm hinter Glas oder zweidimensional als Auto-Aufkleber zeigt.

Weil heute der Uhu ruft, holen die schwäbischen Ritter ihre Gewänder aus den Koffern und stülpen klimpernde Stoffhelme über - die Rüstung der Schlaraffen, die sich während der so genannten Winterung zwischen Oktober und April einmal pro Woche in ihren Burgen, den wappengeschmückten Vereinslokalen, sammeln.

Drei Dinge bleiben dabei draußen vorm Burgtor. Beruf, Religion, Politik. Schließlich streifen mehr als 50 gestandene Geschäftsmänner hier und heute erneut Namen, Titel und Beruf ab, möglichen Stress mit Gattin oder Kollegen ebenso. Werden für drei, vier Stunden zum Kind, pardon: zum Schlaraffen, klappern mit hölzernen Säbeln und vertreiben sich die Zeit mit Klavier- und Wortspiel, launigen Gedichten sowie Fehden, die mit Worten ausgetragen werden.

„Wir sind ein Club der Albernen“, erklärt ein Weißhaariger und zwinkert zum Gruß mit wasserblauen Augen: „Gestatten, Ritter Eulenspiegel“. Früher war er Schauspieler, heute ist er Professor, schreibt Bücher über Rhetorik.

Das fast schon schizophrene Pendeln zwischen montäglicher Albernheit und alltäglichem Ernst teilt Eulenspiegel mit allen Schlaraffen: Ein Internist verbeugt sich vor dem Uhu am Eingang zur Burg – und verwandelt sich in Ritter Flohhax. Ein Ex-Buchhalter wird flugs zum Ritter Ben Confectio, ein honoriger Rechtsanwalt hört nur noch auf den Namen Ritter Sahaara. „Weil er in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne mit dem Landrover durch die Wüste fährt“, verrät Konzernprüfer Schiffler alias Quästor. „Ich bin seit 24 Jahren dabei und weiß über fast alle Bescheid“, sagt der einstige Oberschlaraffe, vorübergehend außer Amt und Würden, weil man nicht unbegrenzt in solche Führungspositionen gewählt werden kann.

Während Schiffler inmitten der anderen Sassen vor seinem Bierkrug sitzt, fiebert sein Nachfolger vorne auf dem Thron - ein umgebauter Schreibtisch - dem Einritt entgegen.
„Reychsmarschall, rühret das Tamtam“, befiehlt der Fungierende Oberschlaraffe Ritter Blitzschneck. Schlag halb acht schlägt Marschall DonBassquali also den Gong, Tastelli eilt zum Klavier, Concerto geigt, Ben Confectio spielt Klarinette, 50 weitere Ritter schmettern: „Verbannt sei aller Zank und Streit, hier herrsche nur die Fröhlichkeit, und Witz und Geist dazu, Uhu, Lulu.“

Dann reiten die Gäste durchs Spalier der Holzschwerter: Von donnerndem „Lulu“ begleitet, trabt ein rundes Dutzend Ritterkollegen aus den benachbarten Reychen Göppingen und Schwäbisch Gmünd, aus Baden-Baden, sogar Lübeck herein und labt sich vor dem Thron an einem Humpen Lethe.

Schlaraffen sind überall daheim. In fremde Reyche einzureiten, ist für sie kein Schmarotzertum, sondern liebgewonnene Schrulle. Ritter Wunder-Bar, ein Werbeexperte, liest gerade die Reyche herunter, die er auf einer sechswöchigen Dienstreise quer durch Deutschland besuchte. „Für Handelsvertreter zum Beispiel sind wir ein idealer Verein“, kommentiert Quästor zwinkernd: „Die haben abends immer eine Anlaufstelle, da braucht sich die Gattin zu Hause keine Sorgen zu machen.“

Ein Trost, wenn sie schon nicht mit in die Sippungen darf. Denn die sind reine Männersache. „Die Erotik“, seufzt Quästor erklärend. „Da würde alles durcheinander kommen, es gäbe Rivalitäten unter uns Männern, keiner könnte sich mehr aufs Wesentliche konzentrieren, auf das absolute Entrücken, das konfliktfreie Sein unter Gleichgesinnten.“

Wohlan. Noch eine Hymne auf die Gäste, dann verliest man Protokolle. Eine Liste kreist; wer heute Abend auf dieRostra steigen, sprich: ans Rednerpult treten will trägt sich ein. Auch Quästor kreuzt an: „zwei Minuten, heiter“ soll sein Vortrag sein. Später wird er wie ein Dutzend anderer Ritter vortreten und über Wilhelm Busch parlieren, das Thema der heutigen Sippung. Der wurde einst zum Ehrenschlaraffen berufen und nach seinem schwarzen Raben „Ehrenschlaraffe Huckebeyn“ getauft. Ein bisschen Busch’sche Biografie, Bonmots und Anekdoten, Dias oder selbst gezeichnete Bildergeschichten, aus hanebüchenen Gründen erhobene Forderungen zum Duell füllen die Zeit bis zum Schlusslied um 22.40 Uhr.

So orakelt programmatisch Ritter Weißnix, was wohl Busch höchstselbst über die Schlaraffen gedichtet hätte:“Ein Konzert von Dilettanten. / Stimmt auch grad nicht jeder Ton / wie bei rechten Musikanten, / ihnen selbst gefällt es schon.“ Was zeigt, dass sich die Schlaraffen meist nicht für voll, dafür gern selbst auf die Schippe nehmen.

Heilig ist ihnen nur die Pflege von Kunst, Humor, Freundschaft. Nicht umsonst suchen - neben Angehörigen grundsolider Professionen - auch etliche Musiker, Maler und Mimen Heimat im Schlaraffenreich. Regelmäßig huldigen sie dort in ihren Sippungen den Ehrenschlaraffen Goethe (Faust), Schiller (Funke) oder Beethoven (Florestan). Erst letztes Frühjahr reisten die Stuttgarter zum Florestan-Turney nach Bonn und wetteiferten um die beste Beethoven-Interpretation.
„Wir haben gewonnen“, berichtet Quästor stolz. „Mit meinem Schwiegervater Cellcanto an der Spitze, der war mal Solo-Cellist beim Radio-Sinfonieorchester und Professor an der Musikhochschule!“ Heute, über 80 und schlohweiß, reitet der Senior noch jeden Montag in die Burg ein und lauscht versunken dem Klavierspiel.

Er war es auch, der Schiffler zu den Schlaraffen brachte - ein gängiger Weg in den Herrenclub. Wer keinen kennt, der einen Schlaraffen kennt, erfährt nie, dass es sie überhaupt gibt. Reklame ist den meisten Rittern suspekt, wohl mit ein Grund dafür, dass das Durchschnittsalter jenseits der 60 liegt. Und obwohl hier kein Geheimbund hinter Schloss und Riegel tagt, wie Schiffler betont, prahlt man nicht mit der Mitgliedschaft im Herrenclub. „Ich häng's nicht an die große Glocke“, sagt Wenzel Kahrmann aus Göppingen. Mit 32 Jahren ist er „unter den Jüngsten der fast 11000 Ritter im Uhuversum“.

Nur ein Insider würde ihn alltags erkennen: Der Bauingenieur trägt am Ohrläppchen einen kleinen goldenen Uhu, der heute vom Pomp seines Ornats gänzlich überstrahlt wird. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein blitzendes Kornett, eine Art französische Trompete. Seinen linken Ärmel ziert denn auch der Rittername:“Cornett das Sans-gênekele“, in Anspielung auf seinen Großvater, der den Namen Sans-gêne (wörtlich: „ohne Hemmung“) trägt. Passenderweise prangt auf dem rechten Ärmel des „Enkels“ ein Spitzendessous en miniature. Das ist freilich ebenso Spiel und Maske wie alles Schlaraffische.

Kahrmann, nach eigenem Bekunden „ziemlich geil auf Fasching und geistige Ertüchtigung“, hat bisher „die passende Burgfrau noch nicht gefunden. Manche meiner Freunde haben schon komisch geguckt, als sie erfahren haben, was wir hier machen“, gesteht er mit einem leichten Anflug von Röte. Die sagten: Such dir erst mal ne Frau. Die lernst du dort wohl nicht kennen.“ Weil es bei Vater und Großvater aber auch irgendwann geklappt hat mit der Weiblichkeit, ist dem Schlaraffen in der dritten Generation nicht bange.
“Als er noch ganz klein war, hat man ihn gefragt, was er werden will“, verrät Tischnachbar Akkuratio, der Verlässliche. Da sagte er doch allen Ernstes: ‚Schlaraffe.’“


Die Obrikeit lächerlich machen

Es war am 10. Oktober 1859 in Freunds Restauration zu Prag, als deutschsprachige Musiker, Schauspieler und Literaten aus ihrem Stammtisch einen Verein namens Schlaraffia machten. Der Gegenentwurf zur elitiren Poetengesefischaft Arcadia weitete sich rasch auf die ganze Welt aus, schmückte die Vereinssprache Deutsch mit eigenem Vokabular aus und nahm sich den Uhu als Wappentier. Heute gibt es im Uhuversum rund 300 Schlaraffenvereine, so genannte Reyche in allen Erdteilen.

Drei Oberschlaraffen sitzen jedem Reych vor, ein Kantzler führt die Geschäfte. Die Sassen (Mitglieder) treffen sich in der Winterung (1. Oktober bis 30. April) wöchentlich zu Sippungen (Sitzungen) in der Burg (dem Vereinslokal). Sie tragen Gedichte oder Musikstücke vor, wollen sich damit unterhalten, ihr Wissen erweitern, Kunst, Humor und Freundschaft pflegen.

Berühmte Schlaraffen waren etwa der Schauspieler Paul Hörbiger oder der Schriftsteller Peter Rosegger. Wer eintreten will, sollte solide leben und einem Beruf nachgehen. Von einem Ritter als Pilger eingefiihrt, wird er erst Prüfling, dann Knappe, Junker, schließlich Ritter, der seinen Namen wählt. Das Ritterspiel ist eine Persiflage und sollte früher die Obrigkeit lächerlich machen - was dazu führte, dass die Nazis die deutschen Schlaraffen-Reyche auflösten.