NOBILIS - Das Magazin aus Hannover (1986)

Lulu unter der Börse

Sie begrüßen sich mit einem freundschaftlichen "Lulu" und haben auch sonst Ausdrücke, die in der normalen Sprache nicht vorkommen. Aber sie sind kein Geheimbund und keine Loge.

Die "Schlaraffia®" ist ein Männerbund zur Pflege von Kunst, Freundschaft und Humor. Weltweit verbreitet, dennoch kaum bekannt, weil auf Öffentlichkeit wenig Wert gelegt wird. Man ist unter sich und möchte es auch bleiben.
Das gilt seit dem Gründungsjahr 1859, als sich in Prag eine Gruppe deutschsprachiger Künstler zur ersten Schlaraffia zusammenfand. Seitdem zählen die Schlaraffen die Jahre nach eigener Zeitrechnung; 1859 war Null. Demnach befinden sie sich gerade a.U. 127, wobei anno Uhui im Jahre des Uhus bedeutet und auf den Schutzpatron hinweist, Sinnbild der Weisheit.

Weise wollen sie sein, wenn auch auf eigene Weise, für Außenstehende nicht ganz einfach zu begreifen und deshalb häufig missverstanden. Das Dritte Reich beispielsweise sah in den Schlaraffen eine staatsbedrohende Vereinigung und verbot sie. Die DDR ist beim Verbot geblieben, auch der übrige Ostblock, in dem nicht "gesippt" werden darf. Auch so ein Wort aus der schlaraffischen Terminologie. Es bedeutet" Zusammenkommen".

Die Schlaraffen sippen in ihren Burgen, in die sie einreiten und in denen sie sesshaft werden. Woher kommt das alles? Das ZEIT-Magazin formulierte: "Enttäuscht von der Restauration nach 1848, verbittert über Ämter- und Adelsdünkel der böhmischen Landeshauptstadt Prag persiflierten die Schlaraffen hohle Formen der bürgerlichen Gesellschaft. Es war eine introvertierte Revolte, eine Flucht nach innen, aus der profanen Welt in ein ideales Mittelalter. Schlaraffia, das war Ritterkult und zugleich Karikatur, romantische Sehnsucht, durch romantische Ironie gebrochen, eine ästhetische Reaktion auf den Zeitgeist." So ist es geblieben.

Schlaraffia bedeutet eine andere Welt, in die erwachsene Männer eintauchen und spielen, bedeutet die blaue Blume der Romatik und das Spiel mit Dingen, die es nicht gibt. Schlaraffia ist die zweckfreie Freundschaft unter Männern, die ihre "Burgfrauen" nur bei besonderen Anlässen herbei bitten. Ansonsten sind sie allenfalls in der Vorburg anzutreffen, wenn sie ihre Ritter in die Heimburg fahren.

Die Schlaraffen haben Sitten übernommen, an die sie sich streng halten. Da ist die Hierarchie: Knappen, Junker und Ritter. Knappe kann werden, wer nach der Prüfungszeit nicht durch das enge Sieb der Kugelung gefallen ist, also die Zustimmung der Mehrheit der Sassenschaft eines Reyches gefunden hat. Knappen haben noch keine eigenen Namen, sie werden numeriert. Auf der nächsten Rangstufe stehen die Junker, die wenigstens schon mit Vornamen benannt werden. Die Spitze der Laufbahn nehmen die Ritter ein, die nach Charaktereigenschaften, beruflichen Besonderheiten oder spezifischen Fähigkeiten benannt werden. "Stradi-Wimmer mit dem weichen Strich" etwa ist im profanen Leben Musiker, "Pillosoph der Scarabäus" übt den Beruf des Apothekers aus und "AntiKnast, der Paragraphenfuchs" ist Rechtsanwalt.

Regelmäßig wird ein Vorstand gewählt, dem die Oberschlaraffen angehören. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie in ihrer Funktion durch Uhus Gnade erleuchtet und mithin allwissend sind, ein Umstand, aus dem sich vielerlei Anlässe zu Raufhandel ergeben. Das Duell ist nämlich eine der Formen schlaraffischen Meinungsaustausches. Gefochten wird freilich nicht mit blanker Klinge, sondern mit Wort und Ton. Gefragt ist nicht Kraft, sondern die Kunst, den Gegner geistig niederzustrecken. Wem das im Duell gelungen ist, darüber entscheidet das Publikum, interpretiert durch den "Fungierenden".

Womit kann sich ein solches Reych im Winter beschäftigen? Denn im Sommer wird nicht gesippt, um die Freude auf die Saison wachsen zu lassen. Im ersten Teil der Sippung geht es streng geregelt zu, nach Zeremonalien, einem Ritual, das stets anders verläuft. Nicht zufällig hält ja der schlaraffische Uhu ein Auge geschlossen, und manche Schlaraffen beschwören, dass der Wappenvogel im Reych unterhalb der hannoverschen Börse in der Rathenaustraße dauernd zwinkert.

Begrüßt werden stets die eingerittenen Freunde aus Nachbarreychen oder weiter entfernten Gefilden. Der Fungierende begrüßt sie, das Reich bildet ein Spalier, die Knappen bewaffnet mit Hellebarden, die Junker mit Dolchen, die Ritter mit Schwertern. Rede und Gegenrede entfalten sich, das Reich nimmt Anteil, greift ein, das Spiel beginnt. Der "güldene Ball", wie der schnelle Abtausch von Argument und Einwand genannt wird, entfaltet sich, mal schneller und geistreich, mal auch schleppend. Jeder Abend verläuft anders, fest steht nur: übelnehmen gilt nicht.

Nach einer Pause, der Krystalline, geht es in den zweiten Sippungsteil, der häufig thematisch geprägt ist. Literatur, Musik, bildende Kunst - wer sich dazu vernehmen lassen will, kann das in der ihm gemäßen Form tun. Die Schlaraffia zählt viele Künstler zu ihren Mitgliedern, die mit ihren Darbietungen erfreuen. Plattitüden sind nicht gefragt. Drei Themen sind tabu: Politik, Religion und Anzüglichkeiten.
Rückt ein Vortrag an solche Grenzen, entscheidet der Fungierende, ob fortgefahren werden darf. Gelegentlich erfolgt die Zustimmung nur unter der Bedingung, dass der Uhu verhängt wird, um den Frevel nicht mit ansehen zu müssen.

Schlaraffia ist zweckfreie Freundschaft, die weltweit etwa 12 000 Mitglieder verbindet, deren Sprache Deutsch ist. Wenn mittwochs in der "Leineburg" die "Lulus" erschallen, bleibt die Profanei vor der Tür.

Woran man Schlaraffen erkennt? In der Regel an ihrem ausgeglichenen Wesen, eine Eigenschaft, die offenbar durch die Zugehörigkeit gefördert wird. Rein äußerlich aber an einer weißen Perle am Revers.