Rt Pressofix (40)

Gefechst vom weiland Ritter Pressofix (Walter E.Senk, Journalist DJV)
September 2002

Für Neulinge und Medien

Die Herrengesellschaft Schlaraffia® pflegt Kunst Freundschaft und Humor. Unter den bekannten Herrengesellschaften ist jene, die sich "Schlaraffia" nennt wohl die fröhlichste, und die einzige, in der weltweit deutsch gesprochen wird - nicht nur in Westerland, Immenstadt, Bern oder Wien. Auch für die Schlaraffen in Spanien, USA, Australien, Kanada, Japan, Südafrika, Thailand - gleich welcher Nationalität und Rasse, ist die deutsche Sprache vorgeschrieben.

Laut Statistik 2002 sind es 10640 Mitglieder an 264 Orten, davon 155 in Deutschland, 55 in Österreich, 33 in Nord- und neun in Lateinamerika, 12 zählen zum Landesverband Schweiz. Von "Reychen" oder erst "Colonien" ist die Rede in der eigenen Welt des Spiels mit besonderen Formen und Vokabular.

Die Zeitrechnung zählt, seitdem in Prag Mitglieder des Theaters am 10.10.1859 zunächst den „Proletalier-Club“ begründeten, die Jahre bezogen auf Uhu als symbolisch humorvollen Inbegriff von Tugend und Weisheit, also „a.U. 143“.

Mit satirischer Lust setzten sie ihr Treiben Überheblichkeit des Adels, dünkelhafter Ordens- und Titelsucht des tonangebenden Beamtentums entgegen. Warum und wie daraus dann „Allschlaraffia“ wurde, ist nicht mehr genau zu bestimmen. Jedenfalls betrachtet sich die Gemeinschaft gleich gesinnter Männer nicht als Müßiggänger im märchenhaften Schlaraffenland. Mit Kunst, Freundschaft und Humor als praktizierten Idealen steht sie mitten im Leben. Dass man „Ihr“ und „Euch“ zueinander sagt, von Burgfrau und Burgmaid erzählt, mit ähnlich schrulliger Wortwahl beispielsweise das Auto als Benzinesel, das Telefon als Quasselstrippe bezeichnet, mag den Gast zunächst verwirren. Bis der selbst erkennt wie damit hektischer Alltag fröhlich vergessen werden kam.

Wie man Schlaraffe wird…

Schlaraffia ist weder Geheimbund noch Loge, weder Karnevalsgesellschaft noch Kunstverein. „Aufnahme finden. nur Männer von unbescholtenem Rufe in reiferem Lebensalter und gesicherter Stellung, die Verständnis für die idealen Zwecke des Schlaraffentums haben und gewillt sind, sie zu verwirklichen“, so steht es in der Satzung. Sie regelt, wann aus dem Gast, dem „Pilger“, ein "Prüfling“, aus diesem nach geheimer Abstimmung ein Schlaraffe werden kann. Der erhält als „Knappe“ die laufende Mitgliedsnummer seines Reyches, nach weiterem Examen wird er „Junker“. Mindestens zehn weitere „Sippungen“, also wöchentliche Veranstaltungen in der „Burg“ des örtlich zuständigen Reyches, muss er besuchen, bis er zum Ritter geschlagen werden kann. In diesem Stand erhält er seinen endgültigen, meist witzigen, persiflierenden Namen, erst jetzt verfügt er über alle Rechte im ritterlichen Spiel mit geistigen Waffen Wer einige Mal „gesippt“, aus dem Buch mit 124 eigenen Liedern gesungen, statt Bier und Wein zu trinken, „Quell und Lethe gelabt“ hat, wird bald begreifen, dass diese überlieferten, in 22 Concilen beschlossenen Regeln, der Aufwand mit „Helmen“ aus Stoff nur dem reinen Spiele dienen. Und die Titel und Orden, die dafür oder auch ohne Verdienste verliehen werden, ebenfalls nur mithelfen sollen die Profanei zu vergessen, zumindest im Narrenspiegel zu sehen. So ähneln denn manche schlaraffische Ritterhelme eher alten Narrenkappen.

Doch nicht nur ein Spiel?

Schlaraffia lebt freilich nicht nur vom wöchentlichen Treff Oktober bis April, sondern von der Begegnung in aller Welt. Schlaraffen sind nie allein. Sie pflegen Freundschaften, sind überall bei den anderen willkommen. Die Einsamkeit des Alters gibt es für sie nicht. Dazu hilfreich ist neben der deutschen Sprache das „Vademecum“, das Ort, Wochentag und Thema der Veranstaltungen vermerkt, entsprechende Vorbereitung ermöglicht. Im Pass, den der Schlaraffe besitzt, werden solche „Einritte“ bestätigt. Vom ältesten bestehenden Reych mit der Nummer 2 in Berlin bis zu 416 in Perth (Australien), 417 in Halle (Sachsen-Anhalt), 418 in Brüssel. Dass trotz dieser Zahl in der so genannten Stammrolle nur noch 264 Vereinigungen erscheinen, ist vor allem Folge politischer Vorgänge. Obwohl Politik, Religion, Geschäft streng verpönt, wurden sie in Italien 1926 zwangsweise aufgelöst, vom NS-Regime 1934 zur Auflösung gezwungen, offiziell untersagt. In der DDR trafen sich
treue Freunde lange heimlich in Wohnungen, das Verbot fiel erst mit der Mauer. Doch wie in der als „Praga“ besungenen Gründungsstadt sind Burgen vor allem im Osten, in den Niederlanden, Großbritannien zerfallen. Überm Grossen Teich wurde Schlaraffia vor dem Zweiten Weltkrieg Treff, so etwas wie Heimatersatz jüdischer Freunde, dann von anderen Auswanderern.

Die weiße Nadel, mitunter eine Perle am Revers als Erkennungszeichen führt Unbekannte zusammen, macht sie oft zu Freunden. Von der Idee erfasst sind Männer aller Berufe, nach wie vor viele vom Theater, solche, die Musik von Berufs wegen oder als Amateure kaum weniger gewissenhaft zum Genuss ihrer Freunde betreiben. Viele finden mit Prosa oder Reim ein Podium, irgendwie kam sich jeder nützlich machen und sei es mit aufmerksamem Zuhören. Jeder gibt, was er kann. Keiner muss, doch jeder darf, wenn er will zur „Erheiterung“ und „Erbauung“ beitragen. Erstaunlich, was in manchem an Geist und Witz schlummert, zu bestimmten Themen geweckt und meist literarisch oder musikalisch vorgetragen
wird. Es gehört zum spezifischen Wert dieses Bundes, jeden zu sich selbst zu führen. Doch es wäre kein Spiel von Rittern, würde nicht Respekt gezollt, Disziplin geübt, in Rede und Gegenrede gestritten, Schmach im spaßigen Duell gesühnt. Wie hinter den mehr oder weniger originellen Namen, Titeln und Orden für erbrachte Leistung, steckt im Spiel in farbenfroher Rüstung der sinnvolle ernste Kern. Abgesehen davon, dass auch Schlaraffen nur Menschen sind.

Zu der Idee zu diesem Spiel bekannt haben sich z.B. die Komponisten Franz Lehár, Gustav Mahler, Clemens Schmalstich, Oscar Straus, der Schriftsteller Peter Rosegger wie der Erbauer der Großglocknerstraße Franz Wallack, der Raketengeneral Walter Dornberger, die Schauspieler Paul Hörbiger, Richard Münch, Gustl Bayrhammer, namhafte Sänger.

Und die Frauen ?

Ein Bund von Männern also - und doch sind Frauen willkommen zu Jubiläen, beim Turney, zum Fest ohne Anlass, zu Matineen, zu Konzerten eigener Ensembles oder des „Allschlaraffischen Symphonie-Orchesters“ mit Musiker aus mehreren Orten. Das gastierte auf der USA-Tournee sogar in der der Carnegie-Hall, gab ein beeindruckendes Benefiz-Konzert in der Krypta der Frauenkirche zu Dresden, zuletzt in Meran. Über derlei Ereignisse und mehr berichtet weltweit „Der Schlaraffia Zeyttungen“. Was Schlaraffen in Büchern schrieben, CDs herausbrachten, erfasst die Allschlaraffische Bibliothek Berlin. Obwohl sie als „Ritter der Romantik“ nicht nur Blaue Blumen als unerreichbare Ziele anstreben, betreiben viele dieses Spiel ganz bewusst als Methode gegen Stress und Frust.

Wen wundert’s da noch, dass ernsthafte Statistiker nachwiesen, die Lebenserwartung von Schlaraffen sei um fünf Jahre höher als die anderer Männer! Daran, dass sie ein eigenes Hilfswerk, eine eigene Sterbekasse besitzen, kann’s kaum liegen…
Natürlich nutzen sie zum „Ausreiten“ übliche Verkehrsmittel und zur Kommunikation beispielsweise E-Mail. Da stehen unter www.schlaraffia.net sogar aktuelle Hinweise, mehr über örtliche Vereinigungen, wo sie zu finden sind, was sie anbieten...