Ritter Pantheon (20)

Schlaraffia® Hannovera

Die lieben Kleinen...
Gegeben am 18. im Hornung a.U. 150

Schlaraffen hört!
Ich schaue selten Fernsehen, aber neulich kam ich in eine Sendung, bei der es darum ging, wie man in Würde dick wird. Ehrlich gesagt habe ich selten so einen Blödsinn gehört. Erstens strahlt ein gewisses Körpergewicht aus sich heraus Seriosität und Würde aus, und zweitens hat mir ein hiesiger Schlaraffenbruder, eine Kapazität auf dem Gebiet der inneren Medizin, versichert, dass es völlig normal ist, wenn man ab dem 30. Lebensjahr alle zehn Jahre zehn Kilo zunimmt. Und wenn man über dieser Marge liegt, tut das der Würde ganz bestimmt keinen Abbruch.

Nein, vielliebe Freunde, das Problem liegt ganz wo anders oder, besser gesagt, viel früher. In unserem Land, das in der Geburtenstatistik kurz davor ist, vom Vatikan überholt zu werden, sind unsere Kleinen zu moppelig. Wir haben immer weniger Kinder, aber die sind zu dick. In der Masse kommt es also auf dasselbe raus, aber nicht im Ergebnis.

Ich sehe das an unseren Nachbarskindern. Jeanette-Josefine und Immanuel-Pascal. – Ja, wenn wir schon nur noch halb so viele Kinder haben, sollten sie wenigstens doppelt so lange Namen bekommen. – Also Jeanette-Josefine und Immanuel-Pascal sind vermutlich in ihrem 10-jährigen Leben noch nie über einen Zaun geklettert - aus gewichtigen Gründen. Was nun auch wieder nicht so viel macht, da in unseren Gärten nur noch selten Äpfel wachsen und außerdem alle beide einen ganzen und frischen Apfel sowieso nur als Computeranimation kennen. Denn die beiden sind zwar moppelig, aber – sagen wir – ausgesprochen medienkompetent.

Immerhin sind sie zu zweit. Die meisten Kinder sind ja heute alleinerziehend. Kennen sich aber mit jedem Display aus und bessern ihr Taschengeld auf, indem sie Opas Uhr von Sommer- auf Winterzeit umstellen – oder sein Handy programmieren, von der Einstellung der Fernsehsender ganz zu schweigen. Und was sagt uns das? Die Abhängigkeit von den lieben Kleinen steigt unaufhaltsam. Und dadurch die Bedrohung durch frühkindlichen Terrorismus mit den Mitteln der Digitalisierung. Was, gesellschaftlich gesehen, viel gefährlicher ist als ein bisschen Übergewicht.

In diesem Sinne
Gute Atzung...

Reinstes Hochdeutsch...
Gegeben am 29. im Ostermond a.U. 150

Schlaraffen hört!
In Hannover – so sagt man – wird das reinste Hochdeutsch gesprochen. Das mag ja im Vergleich zum Chiemgauer Volkstheater oder zum Ruhrgebiet stimmen, vom Berliner Gedröhn ganz zu schweigen, aber Vorsicht scheint doch geboten. Denn wer die althannöversche Aussprache kennt, bei der jedes „ei“ unweigerlich zu „aa“ wird und jedes „a“ zu „öh“, der geht öhbens anner Laane spazieren.

Und warum hält sich dann die Behauptung vom reinsten Hochdeutsch in Hannover? Ganz einfach - weil sie stimmt. Tatsächlich, das ist kein Widerspruch. Denn die Regionalsprachen der norddeutschen Tiefebene haben zwei Wurzeln, das Niederdeutsche, Platt genannt, und die städtische Sprache, die sich vom bäuerlichen abgelöst hat – jedenfalls in Teilen.

Man kann das sehr schön am hamburgischen Sprachgebrauch sehen. Die Hamburger tun ja gerne so, als läge ihr Städtchen an der Nordsee – darum müssen sie auch ständig die Elbe vertiefen. Ihr Platt ist aber am nächsten verwandt mit dem Mecklenburger Platt, nicht mit dem friesischen oder dem Dithmarscher. Wobei wir letzterem die schöne Erkenntnis verdanken: „Sag nümmers ja, so lang as du noch nee seggen kannst.“

Doch zurück zum hannöverschen. Hannover liegt ja bekanntlich zwischen Harz und Heide, also zwischen zwei Mittelgebirgen. Ich komme noch darauf zurück. Die Sprache leitete sich ab aus dem Calenberger Platt, daher die breite Aussprache. Nun passte solch bäuerlicher Klang überhaupt nicht zu den Ambitionen des Kurfürsten von Hannover, der ja in Personalunion auch König von Großbritannien und Irland war und auf eine Hoftradition verweisen konnte, in deren Sold schon Leibniz und Händel standen. Mit dem Wiener Kongress 1815 wurde dann schließlich das Königreich Hannover konstituiert und bei Hofe eine Sprache gepflegt, die so vorbildlich war, dass sie als Hannoversche Bühnensprache Referenz wurde für den gesamten deutschsprachigen Theaterraum.

Andere Gegenden haben es da schon immer schwerer gehabt. Friedrich der Große z.B. sprach ja bekanntlich im wesentlichen französisch, was bei Kenntnis der Berliner Klangfarbe und Grammatik mehr als verständlich ist. Die berlinerische Verballhornung der deutschen Sprache ist ja nicht als Dialekt zu bezeichnen sondern bestenfalls als Zumutung. Was die Preußen nicht hinderte, 1866 einen Krieg anzuzetteln, dem auch das Königreich Hannover zum Opfer fiel und der für die Lüneburger Heide von grundsätzlicher Bedeutung war.

Die preußischen Truppen sammelten sich nämlich bei Hamburg, um gegen Hannover vorzurücken, quer durch die Heide. Sie stießen zunächst bei Lüneburg auf die berühmte Verteidigung, die die Lüneburger bei Hannover 96 abgeguckt hatten – viertel Drehung nach links, Schritt zurück und durchlaufen lassen. Dann ignorierten die Preußen auch noch den wohlmeinenden Hinweis „Ihr trampelt uns ja die ganze Heide platt“. - Und tatsächlich, kaum gelogen, das war so. Die Lüneburger Heide war bis 1866 Mittelgebirge, Uelzen lag 400 Meter über dem Meeresspiegel. Darum sagte man ja, und sagt es auch noch heute, man ist auf der Heide. Wie auf dem Brocken oder auf der Zugspitze. Nach dem Durchmarsch der Preußen aber war alles platt, völlig platt. Und darum werden die Berliner auch niemals Hochdeutsch können.

Lulu