Ritter Mü (20)

Ritterarbeit

Schlaraffia® Hannovera

"Gedanken zum Gründungsgedanken der Schlaraffia"

Als ich dieses Thema zum ersten Mal las, dachte ich zunächst daran, aus der historischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts die Ursachen für die Gründung der Schlaraffia abzuleiten. Das 19. Jahrhundert war geprägt vom technischen Fortschritt, von epochemachenden Erfindungen und Neuerungen. Die Romantik der "guten, alten Zeit war im Abklingen und musste einem realistischem schnelllebigeren Zeitalter weichen. Es begann ein Kampf um die freie Entfaltung der Persönlichkeit und des Geistes. Gleichzeitig entstand aber in der älteren Generation, die dem Fortschritt nicht zu folgen vermochte, die Sehnsucht nach der seligen Zeit.
Es wurden Ritterbünde und Gesellschaften gegründet, die mit besonderem Brauchtum die Romantik des Mittelalters einzufangen und am Leben zu erhalten versuchten. Da auch in unserem schlaraffischen Wunderland das Sehnen und Suchen nach der "blauen Blume" der Romantik enthalten ist, liegt der Schluss nahe, Schlaraffia sei ebenso aus diesen Motiven entstanden. Auch unser Ritterspiel lässt eine solche Deutung zu. Ein Blick in die Chronik der Schlaraffia zeigte mir jedoch, dass diese Motive wohl nicht ausschlaggebend für die Gründung der Schlaraffia waren. Ich habe daher den Gedanken fallen gelassen, die geschichtliche und gesellschaftliche Situation im Gründungsjahr vertiefend zu beleuchten, letztlich, um der Gefahr aus dem Wege zu gehen, in die Gründung der Schlaraffia etwas hinein zu interpretieren, was in den Gedanken unserer Urschlaraffen möglicherweise nicht vorhanden war. Mein Ziel ist es vielmehr darzustellen, welche Elemente innerhalb des in und nach der Gründungszeit entwickelten schlaraffischen Gedankengutes die Basis für die Entwicklung und Beständigkeit unseres Bundes bildeten. Zunächst sei daher über die Gründung der Schlaraffia berichtet.

Im Jahr 1859 bestand in Prag eine Gesellschaft von Künstlern und Kunstfreunden, die weder Namen noch Statuten besaß, sich aber allabendlich in zwangloser Weise zu einer fröhlichen Tafelrunde in "Freunds" Gasthaus, Ecke Wassergasse/Grube zusammenfand. Ein Mitglied in dieser Gesellschaft war Theaterdirektor Franz Thomé, der gleichzeitig auch der "Arcadia" angehörte. Die Arcadia war im Mittelalter als "Accademia degli Arcadi" gegründet worden und hatte sich von Rom aus in alle Lande verbreitet. In Prag war sie in der Zeit um 1858/59 eine feudale Gesellschaft von vornehmen und reichen Leuten, der auch viele Künstler angehörten. Bei ihren Zusammenkünften gab es ein reges, geistiges und künstlerisches Treiben, wobei allerdings das Protzentum mehr oder weniger gepflegt wurde.

Als Theaterdirektor Thomé sich um die Aufnahme des weniger begüterten aber hervorragenden Opernsängers Albert Eilers bemühte, wurde diesem der Zutritt verweigert. Es kam zu Auseinandersetzungen bei denen auch das Wort „Proletarier“ fiel. Thomé trat aus der Arcadia aus und die wenigen seiner Mitglieder, wie z.B. der Schriftsteller Dr. Schmidt-Weißenfels und der Schauspieler Hallenstein, die der Arcadia angehörten, schlossen sich diesem Austritt an.
Als Direktor Thomé in der Stammtischrunde von den Vorgängen in der Arcadia berichtete, rief dies allgemeine Entrüstung hervor. Ob des Ausdruckes Proletarier, beschloss der Kreis sich "Proletarier-Club“ zu nennen und sich dementsprechende, aus ihrem Beruf oder Steckenpferd entlehnte Namen beizulegen, wie z.B. Bassist Eilers: Bassproletarier. In dieser Gesellschaft sprudelten Witz und Humor. Es gab laufend künstlerische Einlagen, was nicht verwunderlich war, da ja die meisten Mitglieder Angehörige des Landestheaters oder seines Orchesters waren. Jeder war nach seinen Kräften bemüht, lebhaft zur anregenden Unterhaltung beizutragen. Man erfand Spitznamen, vergab Ämter und Würden. Die ursprüngliche Begeisterung ließ jedoch bald nach, die Zusammenkünfte wurden seltener. Die Ursache dafür mag darin zu sehen sein, dass der Proletarier-Club zunächst nichts weiter im Auge hatte, als gegen die Überheblichkeit und das Protzentum der "Arcadia" anzukämpfen. Dem Bund mangelte es an den notwendigen Grundlagen, an Inhalt und geistigen Idealen. Die Gefahr des Verfalls des Clubs sahen auch die Männer um Albert Eilers. Man wollte nicht aufgeben.
Theaterdirektor Thomé, der sich nicht am Leben und Treiben des Proletarier-Clubs beteiligte, war von dem Gedanken in den Bann gezogen, der Arcadia etwas Ebenbürtiges, auf einer anderen Grundlage gegenüberzustellen. So folgten alle dem Aufruf von Albert Eilers und verpflichteten sich am 10.10.1859 mit Hand und Wort treu und fest zusammenzuhalten. Dies war, der Gründungstag der Schlaraffia.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Schlaraffia jedoch nur in wenigen Grundzügen mit unserem heutigen Bund zu tun. Sie ist aus einem Protest gegen das Protzentum des Nobelclubs Arcadia entstanden. Die sehnsuchtsvolle Suche nach der Romantik war nicht der Auslöser für ihre Gründung. Am Gründungstag gab es noch keinen "Uhu", kein "Ihr", keine Ritternamen und kein Ritterspiel. Die Mitglieder kamen in bürgerlicher Straßenkleidung, ohne jegliches Abzeichen und ohne Kopfbedeckung. Man behielt die bürgerlichen Namen, vergab Spitz- und Juxnamen und gebrauchte die Anrede "Sie" und "Meine Herren“.
Selbst der Name "Schlaraffia" ist erst nach dem 10.10.1859 in Erscheinung getreten. Es ist der unermüdlichen Schaffenskraft und der geistigen Größe der Urschlaraffen zu verdanken, dass sich Schlaraffia weiterentwickelt hat. Die alte Chronica bezeichnet den Opernsänger Albert Eilers ("Graf Gleichen") als den eigentlichen Gründer der Schlaraffia.
Der Hauptverdienst an der Fußfassung, an der Gestaltung und an der zunehmenden Achtung des neuen Vereins fällt aber in erster Linie Franz Thomé, ("Carl II") zu. Durch seine Initiative, mit großer Unterstützung von Dr. Schmidt-Weißenfels ("Plato"), Eilers und Oberländer ("Box"), hat Schlaraffia erst die wahre Constitutierung durch Festlegung der Statuten erlangt.
Die Urschlaraffen haben in der Zeit ihres Wirkens unserem Bund Sinn, Inhalt und Ideale gegeben. Mit der Auswahl der anzustrebenden Ideale "Kunst", "Freundschaft" und "Humor" haben sie eine Basis geschaffen, die Schlaraffia beständig machte, auch gegen äußere Anfeindungen und innere Unstimmigkeiten.

Die Pflege der Kunst hat unseren Bund auf eine höhere geistige Ebene emporgehoben und ihn vor einer Verflachung bewahrt. Dabei kommt es nicht auf eine Beherrschung von verschiedenen Kunstformen an, sondern Kunst pflegen heißt im schlaraffischen Geiste, sich auf das Schöne einzustellen und erkennen zu lernen. Kunst geht nicht nur den erschaffenden, schöpferischen und ausübenden Künstler an, sondern wird erst in ihrer Wirkung lebendig, wenn sie aufgenommen und verstanden wird. Sichtbar wird die Kunst in unserem Bund nicht nur durch vielfache künstlerische Fechsungen, sondern auch durch viele Gedenksippungen und Festturneys zu Ehren unserer „Ehrenschlaraffen", Faust, Funke, Ozean, Florestan, Don Juan und Parsifal, um nur einige zu nennen.
Die Pflege der Freundschaft ist das verbindende Element in der Schlaraffia und erweitert ihr Wirken über den Kreis der gesellschaftlichen Unterhaltung hinaus. Es wäre aber unrichtig und nicht menschlich gedacht, wenn ein neu Aufgenommener annehmen wollte, es würden ihm sofort intime Freunde erwachsen. Freundschaft darf nur der erwarten, der sie auch zu geben weiß. Sicherlich ist es aber leichter in der Schlaraffia Freunde zu finden, da ihr gleichgesinnte Männer angehören, unbescholtenen Rufes, die in der Erfüllung der schlaraffischen Ideale ein wesentliches Ziel sehen. Das Hochhalten der Freundschaft hat Schlaraffia zwei Weltkriege überstehen lassen und unseren Bund gefestigt. Der Humor ist im Dreiklang der schlaraffischen Ideale das tonangebende Element. Er tritt immer wieder in neuen Gewändern auf, mit einem weinenden und einem lachenden Auge, bald besinnlich, bald im närrischen übermut. Der Humor ist die Würze im schlaraffischen Spiel und löst Begeisterung und Lebensfreude aus. Wir alle wissen, wie befreiend es ist, einmal herzlich zu lachen. Nie sollte der Humor zum offenen Spott werden und verletzend wirken, da er den Anderen ja erfreuen soll. Eine Grenze setzt ihm die Kunst; sie verhindert das Abgleiten in zweideutige Scherze und Zoten.

Der Rittergedanke wurde als weiteres wichtiges Element von den Gründern Ende 1860/Anfang 1861 in die Schlaraffia eingebracht, wohl mit dem Sinn, die Sitzungen zu bereichern und zu beleben. Man wollte hier nicht den Ritterbünden nacheifern, sondern es entwickelte sich allmählich ein "Rittertum", was mehr als Parodie, Persiflage und humorige Angelegenheit betrachtet wurde.
Wußten die Urschlaraffen, dass sie hiermit den Spieltrieb im Manne geweckt hatten und der Sehnsucht nach dem „Anderssein“ nachgekommen waren, die tief im Blut, eines jeden Menschen steckt? Je mehr der Mensch ein anderer sein will, desto mehr wird er selbst. In der Freude an der Verkleidung, der Ritter-Rüstung steckt auch die Freude am Spiel. Im Spiel aber enthüllt jeder mehr als sonst seine innersten Regungen und Wünsche. In der Verkleidung zeigt sich das wahre Gesicht. Verkleidung und Spiel bringen uns weg von dem Kleinlich-Alltäglichen, was uns bedrückt, von allem Profanem.

Die Verknüpfung der Ideale "Freundschaft", "Kunst", und "Humor" mit dem Ritterspiel haben der Schlaraffia eine Ausstrahlungskraft gegeben, die sie weiter wachsen und die Welt erschließen ließ. Mit "Spiegel" und "Ceremoniale" schufen die Urschlaraffen darüber hinaus ein Gesetzeswerk, welches das Leben und Geschehen in Schlaraffia regelt. Dieses Gesetzeswerk gibt dem Bund eine köstliche Durchflechtung von Romantik, Phantasie, innere Besinnlichkeit und befreiendem Humor,
Es pflegt ein mit heiterer Ironie gewürztes und mit Symbolen ausgestattetes Brauchtum, in dem trotz aller Narrheiten ein tieferer Sinn erkennbar ist.
Schlaraffia stellt sich heute im Wesen als etwas Bezauberndes, Beglückendes und auch Geheimnisvolles dar, ohne selbst ein Geheimnis zu sein. Unser Dank gilt den Urschlaraffen. Gleichzeitig ergeht an uns die Verpflichtung, Schlaraffia allzeit zu erhalten und zu bewahren.

Ritterarbeit des Junkers Klaus-Peter - jetzt Ritter Mü der Tiefzügige
(11. im Hornung a.U. 128)