Professor Rolf Wernstedt

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Professor Rolf Wernstedt
Präsident der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft
Laudatio
zur Ernennung von Gottfried-Wilhelm Leibniz als
„Ehrenschlaraffe Integral“ (ES Integral) in die „Schlaraffia Hannovera“*) am 20. 3. 2010 im Festsaal der Börse in Hannover.

Anrede!
U.a. Seine Exzellenz Gottfried-Wilhelm Leibniz in Gestalt des in der zeitgenössischen Tracht auftretenden Schauspielers Ernst-Erich Buder...

Den wohlbeleumdeten und zeitlosen Bürger Gottfried-Wilhelm Leibniz aus Hannover in die „Schlaraffia Hannovera“ aufzunehmen gibt es viele Gründe. Ich will nur drei nennen, einen allgemeinen und zwei sehr aktuelle.
Zunächst der allgemeine Grund: Wen denn sonst in Hannover, ja in der ganzen Welt, könnte man mit mehr Recht in das „Schlaraffenland des Geistes und der Seele“ aufnehmen wollen als Gottfried-Wilhelm Leibniz?

Es gibt seit 350 Jahren niemanden auf der Welt, der sich in allen Reychen des Geistes so gut und vollkommen auskannte - und ich nehme an, in dem Himmel, an den er glaubte, noch auskennt - wie unseren Ehrengast.

  • Er war Advocatus, hat in Jura promoviert, aber eine ihm angetragene Professur abgelehnt,
  • Philosophus, wobei er bis heute mit seiner Monadenlehre Bewunderung und Rätsel aufgibt,
  • Mathematicus, auf der auch heute noch unser wissenschaftliches Selbstverständnis ruht,
  • Medicus, als der er Verschläge zur Verbesserung des Gesundheitswesens gemacht hat, Vorschläge, die auch heute noch so manch einem ratlosen Gesundheits-Politiker von Nutzen sein könnten,
  • Historiographus et Archivarius, der eine ganz eigene Art der Projektförderung praktiziert hat. Denn er sollte eine Geschichte der Welfen schreiben, hat aber sein ganzes Leben lang die dazu notwendigen Archivreisen so lange ausgedehnt, dass er darüber starb. Seine Materialien sind erst 200 Jahre später veröffentlicht worden.
  • Technicus, der nicht nur die Rechenmaschine konstruiert hat, sondern auch die Windmühlen in Clausthal und die Entwässerungsanlagen dort.
  • Diplomaticus, auf vielen Höfen Europas und Deutschlands allgegenwärtig,
  • Consiliarius, also ein Berater für seine Fürsten, ausländische Kaiser und Könige, Universitäten usw. usw.
  • Poeta, der z. B. zum Tode seiner hoch verehrten und klugen Gesprächspartnerin, der Königin Sophie Charlotte, ein ergreifendes Gedicht hinterlassen hat.
  • Theologus, der die Kirchenspaltung nicht hinnehmen wollte.
  • Philologus, der lateinische und griechische Quellen fließend las und Echtheitsprüfungen aus dem Handgelenk vorlegen konnte.


Auf allen Gebieten war er auf der „Höhe der Zeit“, wie man heute zu sagen pflegt.
Und man kann ziemlich sicher sein: Dinge, die erst später erdacht, erfunden und gemacht wurden, hätte er auch verstanden und ein begründetes Urteil gefunden: Ob es die Atomphysik, den Computer, dessen Grundlagen ja von ihm stammen, die Politik mit ihren unergründlichen Wendungen, die Raketen, die Sprachphilosophie und viele Irrtümer der modernen Zeit.

Einen solchen Menschen findet man auf der ganzen Welt unter dem Sonnenschein nicht noch einmal, natürlich auch nicht in Hannover. Und es ist geradezu zwingend, ihn in die „Schlaraffia Hannovera“ aufzunehmen. Und dass er vorhin nach gründlicher Überlegung seine Zustimmung erklärt hat, erfüllt alle mit großer Genugtuung und Ehre.

Aber es gibt auch zwei sehr aktuelle Gründe, ihn gerade in diesem Jahr, vielleicht sogar in diesen Tagen, zum Ehrenschlaraffen zu machen.

Ich nenne den ersten:

Es ist in diesem Jahr genau 300 Jahre her, dass Sie, Excellenz, ihr einziges größeres Werk zu ihren Lebzeiten veröffentlicht haben: „Die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels“, also die Rechtfertigung Gottes als eines guten Gottes, obwohl doch die Welt erkennbar so viel Böses hat., ein Buch, das man sogar heute noch in einem Taschenbuch wohlfeil erwerben kann.
Eine Frage trieb Sie zeitlebens um, die die Sie in jahrelangen immer wieder neuen Gedankenexperimenten auch mit ihren klugen Fürstenfrauen am Hannoverschen Hofe, der Kurfürstin Sophie und deren Tochter Sophie Charlotte, die seit 1701 preußische Königin war, diskutierten. Diese lautet:

Wie ist es erklärbar, dass soviel Elend in der Welt ist, wenn Gott doch gütig und allmächtig ist? Wie kann Gott das zulassen? Mal ganz platt gewendet: Wie kann Gott es zulassen, dass z. B. ein eigentlich guter und rechtschaffener Mensch nachts angetrunken über eine rote Ampel fährt oder Kinder bei Erdbeben von Häusern verschüttet werden und sterben?

Sie hatten eine schon für die Zeitgenossen überraschende Erklärung: Sie meinten, wir lebten in der bestmöglichen Welt. Gott habe keine bessere erschaffen können. Das bedeute nicht, dass die Welt, die jetzt existiert, schon die beste, gleichsam optimal sei. Ihre „beste aller Welten“ meint keinen Zustand, sondern die Aufforderung an den freien Willen der Menschen, daraus eine immer bessere Welt zu machen.
Das Übel in der Welt könne immer weiter zurückgedrängt werden. Das müssten die Menschen erkennen, ihr Handeln darauf ausrichten und mit „Optimismus“ ans Werk gehen. Excellenz, Sie nicken. Das macht mich froh, denn nicht immer konnte ich bisher allen Ihren Gedanken ohne Mühe folgen.
In diesem Sinne waren Sie, Excellenz Leibniz, der erste Optimist. Dies ist ein Begriff, der heute leider schon für jeden belanglosen Spaßvogel verwandt wird.
Sie wussten natürlich, dass auf dieser Welt noch so viel zu tun ist. Alle Ihre Gedanken sind darauf gerichtet, alle Ihre Erfindungen, Ratschläge und Gedanken dienen der Verbesserung der Welt.
Und natürlich hatten Sie eine unbändige Sehnsucht nach Vollkommenheit, vor allem der moralischen Vollkommenheit der Menschen.

In Ihrer Zeit hat man schon heftig geträumt von dieser guten Welt. 1671, Sie werden sich erinnern, war ein Buch erschienen „von dem allerbesten Land, so auf Erden liegt“. Man muss nicht lange raten, wie dieses Land hieß.

Es hieß Schlaraffia.

Leider hat es damals in Hannover noch keine „Schlaraffia Hannovera“ gegeben. Leibniz wäre bestimmt damals schon ein guter, willkommener und sich wohlfühlender Schlaraffe geworden. Denn es ist doch klar: Wenn jemand sein ganzes Leben darüber nachdenkt und diskutiert, wie die Welt die beste aller Welten sein könnte, dann müsste man ihm doch die Möglichkeit schaffen, mindestens einmal in der Woche zur Winterszeit in eine Rolle zu schlüpfen, wo er solch eine Welt leben kann.

Sie holen das heute nach.

Und als derjenige, der manchmal für die Leibnizforscher und Leibniz-Interessenten sprechen darf, kann ich die Schlaraffen hier in Hannover dazu nur beglückwünschen. Das ist für Sie und ihn eine gute Entscheidung.
Auch sein Name „Integral“ ist hervorragend, denn der Erfinder des Integralzeichens für die von ihm erarbeitet Infinitesimalrechnung ist damit gut und dauerhaft gekennzeichnet.

Man hätte ihn auch „Optimist“ nennen können, er war der erste, den man so hätte nennen können.

Ich nenne den zweiten aktuellen Grund, für den ich nur scheinbar ein bisschen weiter ausholen muss:

Wir erleben in diesen Wochen ja eine lebhafte Debatte um das Schlaraffenland. Es gibt Leute, die meinen, dass es Millionen Menschen in Deutschland gibt, die mit 359 Euro im Monat ein schlaraffenähnliches Dasein führen können.

Leben im Schlaraffenland wird bei uns ja verstanden als kostenloses, lustvolles, genussreiches, kurz märchenhaftes Dasein: Gebratene Tauben fliegen in den Mund, Häuser sind statt aus Ziegeln aus Kuchen, in den Flüssen fließt goldener Wein, es scheint immer die Sonne, vereiste Straßen gibt es nicht, man muss nicht arbeiten usw. usw.
Es ist eine Persiflage eines schmarotzerhaften adeligen Lebens.

Solche Vorstellungen stammen zwar aus dem Mittelalter, aber sie können wir schon in der Antike finden. Sie sind auch älter als „spätrömische Dekadenz“.

Leibniz wusste das.

Auf dem Höhepunkt, nicht in der Spätphase, des römischen Kaisertums, zur Zeit Neros, lebte ein Mann namens Petronius. Er galt in Rom als arbiter elegantiae, als Schiedsrichter des guten Geschmacks, und hat uns eine der lebensstärksten und deftigsten Geschichten des Altertums hinterlassen.

In diesem Text gibt es einen freigelassenen Sklaven, Trimalchio, der als echter Parvenü zu viel Geld gekommen ist, in kaum nachvollziehbarer Weise protzt, sich für halbgebildetes Geschwätz feiern lässt und satirisch dargestellt wird. Der Kern der Geschichte ist die Schilderung eines Gastmahls, bei dem abwechselnd raffinierte Vorspeisen, Hauptgerichte, Wein, Musik, Lustknaben und allerlei Luxus vorgestellt werden. Es sind deftigste Szenen.
Dieses Gastmahl des Trimalchio ist in den 90er Jahren des 17. Jahrhunderts neu aufgelegt worden. Manche philologische Fälschung tauchte auf, um den Verkaufsabsatz zu steigern. Leibniz, Sie werden das noch gut wissen, Excellenz, hat philologisch die echten von den später eingefügten Teilen identifiziert.

Aber seine Zeitgenossen fanden an dem Stoff Gefallen.

Zur Karnevalszeit des Jahres, im Februar 1702, hatte am Hannoverschen Hof jemand die Idee, einen modernen Trimalchio auf französisch verfassen und aufführen zu lassen mit nicht ganz so viel Laszivitäten wie im alten. Wir wissen aus der lebhaften Korrespondenz in den Wochen danach, dass eine solche Aufführung tatsächlich stattgefunden hat. An der französischen Fassung haben offenbar mehrere Höflinge, u. a. ein bekannter alkoholkranker pfälzischer Graf (der den Trimalchio spielte), mitgewirkt. Aber die philosophischen Teile der Dialoge sind offensichtlich von Leibniz verfasst worden, der bei der Aufführung selbst auch eine regienahe Rolle hatte. Sie bestätigen mir diese Information, das ist gut.

Das Gastmahl wurde von zehn Personen, darunter auch Leibniz, gespielt. Ob es ihm Spaß gemacht hat, wissen wir nicht. Vielleicht erfahren wir es heute Abend noch, aber ich sehe schon, Sie schauen auf den Boden. Ich will Sie nicht inkommodieren.

Man lag - römisch dekadent - auf Speisesofas, hatte leichte, schulterfreie Kleidung an, ließ sich von Dienern in römischen Sklaven-Kleidern bewirten, sagte die Texte auf, die ironisch, selbstpersiflierend, belehrend oder witzig waren, trank viel Wein, aß Unmengen von Fleisch und Fisch. Ob bei dem deftigen Spiel auch ein Nachttopf auf dem Kopf des Trimalchio sauste, wird aus den Quellen nicht ganz deutlich.

Auch die Königin Sophie Charlotte und ihre Hofdame, die Gräfin von Pöllnitz, spielten mit. Als Zuschauer waren Kurfürstin Sophie und der Kurfürst zugegen, insgesamt sieben Zuschauer.

Es war offenbar eine Art Maskenfest in erlesenem mit sehr drastischen Thesen und Texten.

Auf die Frage, wo das denn stattgefunden haben könnte, gibt es für diese Jahreszeit nur eine Antwort: im neuen Theater, das seit wenigen Jahren (1697) an der Südostseite des Leineschlosses angebaut worden war.

Es ist topografisch genau die Stelle, wo heute das Gebäude des Plenarsaales steht. Über diesen Plenarsaal wird ja seit Monaten erbittert gestritten. Excellenz, man wird es selbst im Himmel schon vernommen haben.
Die Abgeordneten des Niedersächsischen Landtages monieren nämlich, dass sie nicht genügend Raum hätten. Sie haben offenbar übersehen, dass sie auch noch zusätzlichen Raumbedarf hätten anmelden können, um als Souverän Theater zu spielen oder spielen zu lassen. Eigentlich schade. Aber vielleicht werden Sie als ES Integral in den absehbaren rechtlichen Auseinandersetzungen mathematisch dieses Argument noch einführen.

Es wäre doch höchst innovativ, einen Trimalchio novissimus zu schreiben, in dem die Abgeordneten als gläserne Parlamentarier bei der Einweihung des neuen Landtages sich in einem Gastmahl transparent dem Volk präsentieren.

Damit ist bewiesen, dass es keinen besseren Zeitpunkt als jetzt geben kann, Gottfried-Wilhelm Leibniz wieder lebendig nach Hannover zu führen. Die „Schlaraffia Hannovera“ hat diese Chance genutzt.
Herzlichen Glückwunsch!!
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*)
Bei der „Schlaraffia Hannovera“ handelt es sich um einen Männerkreis, der an jedem Mittwoch im Winterhalbjahr in der Börse in Hannover zusammentritt, um sich in Kunstuniformen und ritterlichen Kunstritualen dem Frohsinn, dem Humor und der Belehrung hinzugeben. Die Organisation geht auf eine Gründung im Jahre 1859 in Prag zurück und ist auf der ganzen Welt anzutreffen.
(vgl. www.Schlaraffia Hannovera.de)
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Literaturhinweise:
G.-W. Leibniz: „Die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels“, Band I und II, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1265, Frankfurt 1996.
Petronius Satiricon, Berlin 1965.
Eckart Schäfer:„Das Festmahl des modernen Trimalcion“, in: Beiträge zur Altertumskunde, Hrg. von M. Erler, D. Gall, E. Heitsch, L. Koenen, C. Zintzen, Berlin/New York 2007, S.361- 381.
Eike Christian Hirsch „Der berühmte Herr Leibniz“, Eine Biographie, München 2000.
Reinhard Finster/Gerd van den Heuvel : „Gottfried Wilhelm Leibniz“ rowohlts monografien, rm 50481, Reinbek bei Hamburg, 5. Aufl. 2005.